Donnerstag, 24. Februar 2022

«Die Frauen haben gute Karten»

Valérie Morel  ist diplomierte Treuhandexpertin, Direktorin von Gastroconsult Freiburg und Mutter eines siebenjährigen Jungen. Sie erzählt von der Branche, von der Stellung der Frauen, von ihrem Beruf – und gibt Auskunft über ihr Familienleben.

Ein Interview von Caroline Goldschmied

Wie sind Sie Direktorin von Gastroconsult Freiburg und Regionaldirektorin West geworden?
Valérie Morel: Meine Stelle als Direktorin bei SBC Treuhand in Pully und jene der Direktorin von Gastroconsult Pully sollten früher oder später zusammengelegt werden. Chantal Bochud wird ihrerseits 2023 in den Ruhestand gehen und schlug vor, ihre Stelle als Direktorin schon vorher abzugeben, weshalb die Stelle zu besetzen war. Das war eine einmalige Gelegenheit, die ich – allerdings erst nach sehr reiflicher Überlegung – auch ergriff: Die Stelle anzutreten, bedeutete für meine Familie nämlich den Umzug nach Freiburg und das Verlassen unseres vertrauten Umfelds aus Familie und Freunden. Privat schien es uns eine gute Gelegenheit zu sein, einen ruhigeren Wohnort zu finden, näher an der Natur und den Bergen. Und schliesslich dachte ich mir, dass, wenn wir nach Freiburg ziehen, es das Schicksal wohl so wollte!

Worin besteht Ihre Arbeit?
Mein Kundenportfolio besteht aus einigen Bäckereien sowie bestimmten Kundinnen und Kunden, die ich von meiner Vorgängerin übernommen habe, die noch 50% arbeitet. Hinzu kommt die des Sitzes Freiburg: Rechnungen, Budgets und Personalwesen. Ich arbeite mit sechs Personen zusammen. Als Regionaldirektorin West unterstütze ich die vier Gastroconsult-Direktoren in Genf, Pully, Sitten und Saignelégier (Jura). Wir halten regelmässig Sitzungen, um uns auszutauschen. Und schliesslich bin ich dafür verantwortlich, der Geschäftsleitung von Gastroconsult vom Geschäftsgang zu berichten und mich an strategischen Überlegungen zu beteiligen.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf am besten?
Ich habe eine gewisse Unabhängigkeit, insbesondere in der Art und Weise, wie ich den Geschäftssitz leite, wobei ich bei Bedarf auf die Unterstützung meiner Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Schweiz zählen kann. Ich schätze den Abwechslungsreichtum meiner Tätigkeit, meine Aufgaben betreffen mal betriebliche, mal strategische Fragen. Zudem sitze ich nicht nur am Bildschirm, sondern bin unterwegs, um meine Kunden zu besuchen und auf diese Weise den so wichtigen persönlichen Kontakt mit ihnen zu pflegen.

Gehörte es zu Ihren Lebenszielen einmal eine Führungsposition einzunehmen?
Ich würde sagen, mein oberstes Ziel ist es, stets dazuzulernen. Als ich meinen Fachausweis als Fachfrau im Finanz- und Rechnungswesen sowie mein Diplom als Rechnungslegungs- und Controllingexpertin in der Tasche hatte, entschied ich mich für Aufgaben, die mir die Möglichkeit boten, das erworbene Wissen auch praktisch umzusetzen. Zudem wollte ich meine Deutsch- und Englisch-Kenntnisse anwenden können. Ich wollte vermeiden, in einen immer gleichen Trott zu verfallen, wollte abwechslungsreiche Aufgaben – all diese Aspekte sind mir sehr wichtig. Wenn es zu ruhig ist, langweile ich mich nur. 

Wie sind Sie als Vorgesetzte?
Ich würde sagen, mein Führungsstil ist irgendwo zwischen «kooperativ» und «laissez-faire» anzusiedeln. Ich gebe Mitarbeitenden gerne die Möglichkeit, sich und ihre Meinung einzubringen, was es ihnen gleichzeitig ermöglicht, ihre Aufgaben selbstständig zu bewältigen. Ich setze mein Vertrauen in sie und sie wissen ihrerseits, dass ihnen meine Tür immer offen steht.

Wie geht es der Branche in Freiburg ihrer Ansicht nach?
Moralisch haben die beiden Pandemiejahre die Restaurateurinnen und Restaurateure hart getroffen. Sie haben das Gefühl, ihr Bestes getan zu haben, um die Auflagen einzuhalten und empfanden sich doch bei jeder neuen Salve von Gesundheitsmassnahmen als Geiseln der Situation. Wenn die Regeln ständig ändern, steigt die Zahl jener, die den Boden unter den Füssen verlieren. Als Treuhandunternehmen leiden auch wir unter den Folgen, denn wir müssen unsere Kundinnen und Kunden ohne Unterlass ermutigen und uns ständig informieren, um auf dem Laufenden zu bleiben. Über den Kampf für den Erhalt von Entschädigungen und die Abschaffung der Zertifikatspflicht hinaus, bleibt auch noch zu hoffen, dass die die Menschen neues Vertrauen fassen und wieder ins Restaurant gehen.

«Ich ermutige die Frauen, in die Branche einzusteigen, auch wenn es für Männer einfacher ist, Karriere zu machen.»

Im Vordergrund dieser Ausgabe stehen die Frauen. Wie sehen Sie die Stellung der Frauen in der Branche?
Ich beobachte, dass es in der Branche immer mehr Frauen in Führungspositionen gibt und dass sie ihren männlichen Kollegen in nichts nachstehen. Ich denke, Frauen haben gute Karten. Sie haben andere unternehmerische Fähigkeiten, ihre eigene Herangehensweise und vor allem eine andere Sensibilität. Jeder und jede, ob Mann oder Frau, hat einen Platz, der eingenommen werden will. Ich ermutige die Frauen, in die Branche einzusteigen, auch wenn es für Männer einfacher ist, Karriere zu machen. Ich hatte diese Möglichkeit, aber viele Frauen entfernt die Mutterschaft vom Arbeitsmarkt und sie müssen auf ihre Karriere verzichten.

Was tun Sie, um Arbeits- und Privatleben im Gleichgewicht zu halten?
Einfach ist es nicht! Da werden auch Opfer gefordert. Wenn ich am Abend von der Arbeit nach Hause komme, hat Zeit mit der Familie zu verbringen Vorrang. Ich kann nicht so viel Sport treiben, wie ich es gerne hätte, aber ich habe das Glück, einen Partner zu haben, der bereit ist, Hausmann und Vater zu sein. Er kümmert sich um unseren Sohn und erledigt sämtliche Aufgaben im Haushalt. Er arbeitet also, so wie ich!

Tatsächlich ist Mutter und Hausfrau bzw. Vater und Hausmann zu sein nämlich eine Vollzeitbeschäftigung. Sie sind also ein modernes Paar. Wie haben Sie sich auf diese Aufgabenteilung geeinigt?
Als ich schwanger wurde, war rasch klar, dass ich mein Arbeitspensum nicht wesentlich verringern wollte. Meinem Partner war es wichtig, dass unser Sohn nicht in einer Kinderkrippe oder bei einer Tagesmutter oder sonst wo platziert wird. Wir haben uns nicht für ein Kind entschieden, um unsere Elternrolle dann zu delegieren, sondern möchten unser Kind, soweit möglich, auch selber aufziehen.  Anfangs war mein Partner noch in Teilzeit berufstätig. Sobald ich meine Stelle und meine Funktion in Freiburg angetreten hatte, beschlossen wir gemeinsam, dass es die beste Lösung ist, wenn er Vater und Hausmann wird.

Stimmt die Situation heute für sie beide so?
Absolut. Mittelfristig, langfristig, wenn unser Sohn älter ist, wird mein Partner sicherlich wieder Teilzeit arbeiten wollen. Gegenwärtig haben wir für uns drei eine gute Balance gefunden. Unsere Freizeit gemeinsam an der frischen Luft mit Langlauf, Wandern oder Velofahren zu verbringen, hilft uns da. In der Natur, und vor allem weit weg von grossen Menschenmengen, können wir uns erholen.

Was motiviert Sie morgens beim Aufstehen am meisten?
Vor allem anderen, dass ich gesund bin. Aber auch, mein Kind zufrieden aufwachsen zu sehen, es im Leben möglichst gut zu begleiten und es auf die Zukunft vorzubereiten.


Mehrfach diplomierte Führungskraft und Mutter
Valérie Morel (45) ist seit dem 1. April 2021 Direktorin Gastroconsult Freiburg und Regionaldirektorin West und ersetzt damit Chantal Bochud, die Ende 2023 in den Ruhestand tritt. Davor leitete Valérie Morel seit 2008 die Zweigniederlassung West der SBC Treuhand AG in Pully. Das Unternehmen ist auf Bäckereibetriebe spezialisiert und gehört zu 50 % Gastroconsult. Valérie Morel ist ausserdem Verwaltungsratsmitglied von Gastroconsult. In Freiburg beschäftigt Gastroconsult sieben Mitarbeitende, vier davon sind Frauen. Die dynamische Vierzigerin besitzt drei Diplome: den Fachausweis Fachfrau in Finanz- und Rechnungswesen, das Diplom Finanz- und Controlling-Expertin und das Treuhänderinnen-Diplom. Sie hat einen siebenjährigen Sohn und lebte vor ihrem Umzug nach Glâne (FR) vor zwei Jahren, 40 Jahre lang im Kanton Waadt – für die gebürtige Freiburgerin also eine Art «back to the roots».